Ich mag die Briten ja. Irgendwie schrullig, eigensinnig, humorig. Und allesamt mit einer großen Geschichte im Hintergrund. Einer Geschichte, die sich die Insel bis heute erhalten hat und die zu viel Erfolg und auch Wohlstand geführt hat. Sei es durch die erfolgreiche Kolonialisierung oder auch die Industrialisierung. Und auch im Digitalen Zeitalter ist man dem Rest von Europa ein paar Schritte voraus. Vielleicht auch durch den Sprachvorteil Englisch als Muttersprache zu haben, und daher eine der wichtigsten Weltsprachen einfach von Haus aus in die Wiege mit hineingelegt bekommen zu haben. Was wieder dazu führte, dass sich die Amerikaner und viele andere internationale Unternehmen auf dem Sprung nach Europa in Großbritannien niedergelassen haben.

Und weil man sich hier auf der Insel halt schon immer für etwas besonderes gehalten hat und sich deswegen auch mit Händen und Füßen gegen viele europäische Regeln gestemmt hat, kam es in diesen unruhigen Zeiten auch zu reinem Referendum, ob man bei der Idee EU mit dabei bleiben mag, oder sich doch wieder (und noch mehr) unabhängig davon machen will. Eine Schicksalsentscheidung, die die Briten am 23. Juni 2016 mit einer relativ knappen und gespaltenen Mehrheit und einem Zittern bis zum Schluss nun getroffen haben und sich damit von der EU abspalten möchten.

Freilich, wie so oft, geleitet durch eine populistisch geführte Diskussion, die halt heute gerne Mehrheiten bekommt. Insbesondere, wenn mit den Ängsten der meist ärmeren und weniger gebildeten Leuten gespielt wird. Der Angst, dass man den erreichten Status, der ohnehin nicht so berauschend ist, in der Zukunft nicht halten wird können und man Einschränkungen hinnehmen werden muss. Allen voran in der Regel die Diskussion der Einwanderung. Die bösen Fremden, die man nicht kennt und die nur kommen, um dem Land zu schaden ohne auch nur irgendeinen Nutzen zu bringen. Noch verwunderlicher das Phänomen, dass oft ehemalige Immigranten und deren erfolgreich eingebürgerten Familienangehörigen (seien es die englischen Nowotnys, Markovics, Kovacs & Co) sich am vehementesten über neue Zuwanderung stark machen. Und so stellt der klassische Breit-Befürworter das halt vor: EU-Fördergelder erstmal weiter einstreichen – die Einwanderung aber am besten gleich stoppen. Und nimmt daher die klassische Rolle des Rosinen herauspickens (cherrie picking) für sich in Anspruch. Das Beste halt von überall. Mit der EU weiter auf DU, wenn es um die Sicherheit und die wirtschaftliche Anbindung geht, aber eine Extrawurst-Rolle, wenn man in bestimmten Bereichen (Währung, Einwanderungspolitik) seine eigene Sache machen möchte.


Jetzt braucht es Mumm in der EU


Man kann nur hoffen, dass sich der Rest der EU nun ein wenig am Riemen reißt und einmal beginnt Stärke zu zeigen. Entscheidungen zu treffen und in eine aktive und nicht rein passive Rolle bei der Positionierung als vereinigtes Europa in ALLEN Belangen einnimmt. Freilich wahrscheinlich ein frommer Wunsch. Denn zu befürchten ist eher, dass nun auch hier einmal mit einem Meinung-Bereinigungsprozess zu rechnen ist. Denn so schnell werden (und man weiß es ja auch gar nicht so genau), die prognostizierten wirtschaftlichen Einschnitte in Großbritannien nach einem Austritt/Ausschluss (letzteres wäre vielleicht sogar noch die Opferrolle) auffallen. Und die Befürworter des Brexit werden ohnehin nun einmal alles und jedes als Erfolg werten und verkaufen (warum sollte der Populismus denn auch so einfach wieder aufhören?). Bedeutet also, dass all die EU-Skeptiker weiter Rückenwind bekommen und sich meinungsstark machen. Und damit wird sich die EU wieder einmal mehr mit sich selbst beschäftigen als proaktiv auf die Veränderungen dieser Welt zu reagieren.

Und Fakt ist ja, dass man auf dieser Welt eine starke Veränderung wahrnehmen kann. Und Veränderung, so sie nicht unbedingt Aufschwung und Wohlstand bedeutet, halt generell mit ängstlichen Augen betrachtet wird. Sei es der zunehmende Kampf der Weltwirtschaften und Wachstumsverschiebungen zwischen der New- & Old Economy, oder die Radikalisierung bei den Ideologien inklusive der kriegerischen Auseinandersetzung und den damit verbundenen Völkerwanderungen bis hin zu der offenen Willkommenspolitik in der EU, die halt weltweit noch für einige weiter Zuwanderung aus vielen Ländern führen wird, denen es bei weitem nicht so gut geht wie uns hier in Europa.


Goodbye, GB


Ihr habt entschieden. Wie geht es weiter mit all den internationalen Unternehmen, die in England sitzen um von hier aus den europäischen Markt zu bearbeiten? Wird England zu einer Art neuen Schweiz? Und darf der Rest von Europa da einfach zusehen und sich diesen Eigensinn gefallen lassen? Ich finde ja, dass man nun so rasch wir möglich die Konsequenzen ziehen müsste. Schon aus Prinzip und Exempel. So blöd diese Einstellung vielleicht auch sein mag. Aber wie sonst wird man den restlichen verbleibenden Mitgliedsstaaten (und deren EU-feindlichem Potenzial) glaubhaft machen und vorführen können, dass die EU eben nicht nur ein Sicherheitsnetz im Notfall ist, sondern auch aktiv an unserem bestehenden Wohlstand und unserer offenen Einstellung zur Gesellschaft wesentlich beteiligt ist?

Was immer kommen mag – es wird sich einiges tun. Wieder einmal. Und was der heutige Tag so alles mit sich bringen mag, das werden wir erst später wissen. Und damit auch klüger sein.