Die erste historische Aufzeichnung in Sachen Zucker datiert aus dem Jahre 510 vor Christus, als die getreuen Infanteristen von Kaiser Darius 'ein Schilfrohr' entdeckten, 'das ohne Bienen Honig herstellt'. Das finde ich etwas seltsam, weil wir doch alle wissen, dass Zucker viel besser ist als Honig. Ihn als 'Honig ohne Bienen' zu bezeichnen ist etwa so, als würde man Autos 'Pferde ohne Schwanz und Ohren' nennen - es stimmt zwar, sagt aber noch lange nicht alles.

Die Historiker wissen nicht genau, wann unsere Vorfahren die Vorzüge der kristallinen Wonne entdeckten. Es muss etwa um die Zeit gewesen sein, als sie all die anderen wichtigen Dinge begriffen, so was wie Fernrohre oder dass die Erde eine Kugel ist. Logisch wär's ja. Rezepte für Kuchen und Ähnliches gab es zwar bereits vor hunderten von Jahren, aber im Mittelalter benutzte man Zucker in erster Linie als kostenlose Dreingabe beim Zimthandel. Und wenn Sie das schon für eine etwas unehrenhafte Vergangenheit halten, dann denken Sie nur an Karamell, das die ersten paar Jahrhunderte seiner Existenz nicht als Puddingzutat verbrachte, sondern als Beinenthaarungsmittel in Harems verwendet wurde. (Wie sind die nur darauf gekommen, dass das Zeug auch noch gut schmeckt ...?)

Trotz der lobenswerten Bemühungen früher Zuckerpioniere kann man also guten Gewissens behaupten, dass niemand das Zeug so sehr zu schätzen weiß wie wir. Ohne weiteren Forschungen vorgreifen zu wollen: Wir haben Zucker in Kombination mit jedem anderen Lebensmittel ausprobiert und dabei ein paar vorzügliche Dinge entdeckt. Schon als Glasur ist seine Schönheit unerreicht. Obwohl Zuckerglasuren natürlich auch etwas Masochistisches haben, weil darunter ja immer noch Köstlicheres steckt. Das stellt den sensiblen Genießer etwa fünf Sekunden lang vor ein schreckliches Problem: 'Wie komme ich an die Eiscreme, ohne dieses Kunstwerk zu zerstören?'

Was Zucker und Obst betrifft, ist die Sache nicht so eindeutig. Einerseits schmeckt Obst ohne Zucker ziemlich langweilig - vor allem Erdbeeren sehen zuckerlos nackt und unnatürlich aus. Vielleicht sollte man zu Obst einfach nur Honig nehmen, ein Menü aus Äpfeln und Birnen in Bienenschleim aus aller Herren Länder. Und dazu unbedingt Schokoladenpudding bestellen! So hat die Sache Hand und Fuß.

Butter, Eier und Mehl sind geniale Zuckerbegleiter, wie wundervolle Torten uns das tagtäglich beweisen; doch die einzig wahre Liebe ä la Romeo und Julia ist Kakao. Es gibt nur wenige Zutatenpaarungen, auf die das Wort 'Synergie' wirklich zutrifft, und diese ist eine davon. Zucker und Kakao ergeben einen dieser berühmten Fälle, wo das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile.

Schokoliebhaber gibt es in allen möglichen Ausführungen: Die meisten Mädchen stehen auf Schokowaffeln wie etwa den Kit-Kat-Riegel - wahrscheinlich, weil sie am wenigsten dick machen. Andere wiederum lieben gefüllte Schokopralinen über alles; ich kann mich da zurückhalten, weil ich dabei immer an alte Damen denken muss. Der echte Zuckerfreund orientiert sich an überlebensgroßen Produkten: riesigen Schokotorten, gigantischen Riegeln Bioschokolade oder diese Tafeln mit der unsichtbaren Aufschrift 'Nichts für Frauen!'. Über Vorzüge und Nachteile dieser Varianten könnte man ewig diskutieren - und es sind genau diese Debatten, die Schokolade von einer Energiequelle zum bedeutenden Teil unserer Kultur gemacht haben. Was ich am ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhundert wirklich schätze, sind die wilden Kombinationen von Kaffee und anderen Substanzen, die ohne die Wertschätzung des Zuckers wohl nie entstanden wären. Stellen Sie sich einen Cappuccino ohne Kakao obendrauf vor: Das Getränk wäre so seltsam, dass es sich keinesfalls hätte durchsetzen können und wir die ganze weite Welt aufgeschäumter Milch wahrscheinlich nie kennen gelernt hätten. Sämtliche Kaffee-Cocktails, vom traditionellen Irish Coffee bis zum schwer angesagten WodkaEspresso, wären ohne Zucker undenkbar, ganz zu schweigen von alkoholischen Getränken wie dem fabelhaften Mojito. Warum? Na ja, vielleicht würde man den Schnaps einfach zu stark herausschmecken und annehmen, ein alter Säufer wollte einen zu unsittlichen Zwecken betrunken machen wollen.

Ich glaube, die Zusammenstellung von Kaffee und Süßem ist so tief in der deutschen Kultur verankert, dass ein Weglassen der Törtchen etwa so wäre, als würde man sich die Haare nur auf einer Seite schneiden lassen. Das sagt viel über eine Nation aus - und fast nur Gutes. Und es weist auch darauf hin, dass man jedes Land prinzipiell nach seinem Verhältnis zum Zucker beurteilen kann. Wir Briten haben immerhin die Toffees erfunden. Das heißt, wir saßen so zirka 50 Jahre herum und sagten: 'Schmeckt gut, der Zucker ... wie wäre der wohl gekocht? Gut so. Und jetzt noch etwas länger kochen?' Es ist uns ja durchaus hoch anzurechnen, dass wir Qualität erkennen können, aber langsamer und schwerfälliger geht's wohl kaum ... Den Italienern gelang der unglaubliche Coup, sogar Zucker zur Macho-Angelegenheit zu machen, weil nur der stärkste Supermann diese starken Ristrettos runterkriegt. Das bedeutet möglicherweise, dass sie auch alle gut im Bett sind, aber da möchte ich mich nicht festlegen. Die Dänen reden hauptsächlich von Zucker, weil sie so viel davon zu Alkohol gebrannt haben; aber das heißt nicht, dass sie ihn nicht zu schätzen wissen, sondern nur, dass sie Bier über alles lieben. Das kann ich verstehen. Im Gegensatz zu Mehlprodukten hat der Unterschied zwischen braunem und weißem Zucker nichts mit gesund-aber-langweilig kontra ungesund-aber-gut zu tun. Kein Mensch kriegt beim Anblick von dunklem Muscovado-Zucker Depressionen. Man denkt nur: 'In den Tee kommt der nicht, aber ich kann Brownies damit machen. Cool.' Außerdem gibt es so etwas wie anständigen Zucker gar nicht. Zucker hat stets den Makel einer schlechten Angewohnheit, der Kalorien ohne Nährwert. Rein ernährungstechnisch würde man mit getrockneten Aprikosen besser fahren, aber betrachten wir das mal philosophisch: Vollkornnahrung ist purer Utilitarismus - sie macht keine leeren Versprechungen und verschwendet keine Zeit. Eigentlich ist sie nichts als Kommunismus am Esstisch. Auch wenn man nichts gegen Marx hat, muss man zugeben, dass unser Erdendasein ohne Luxus recht öde wäre. Zucker hingegen ist der reine Kapitalismus: langfristig gesehen nicht ohne Nachteile, aber einfach großartig, solange alles gut geht.


Süße Geschichte:
In Ostasien kannte man Zuckerrohr um 6000 vor Christus; in Europa landete es dank der Kreuzfahrer um 1100 unserer Zeitrechnung. Christoph Kolumbus plante bei seiner zweiten Amerika-Fahrt, die Pflanze auch in 'Hispanolia' anzubauen. 1801 wurde die erste Zuckerrübenfabrik errichtet. Um 1843 erblickte der Zuckerwürfel das Licht der Welt.

Die Welt des Zuckers - Jahreskonsum von Zuckerwürfeln pro Einwohner:
Italien: 8235
Deutschland: 11509
Frankreich: 12019
England: 12185
Österreich: 12409
Holland: 12865
Schweiz: 15300

(Quelle: Nespresso Clubmagazin)