Wirthauskultur neu interpretiert

Veröffentlicht am 24. June 2015 von Roman

Seit Dezember 2014 hat der bekannte (sowohl für Wiener als auch in vielen Reiseführern stehend) Figlmüller sein Imperium um einen neuen Standort am Lugeck erweitert. Alle Lokale sind dabei ziemlich nahe zueinander gelegen – und haben doch unterschiedliche Konzepte und auch Zielgruppen. In dem Traditionshaus am Lugeck und seiner sehr prominenten und ausgezeichneten Lage, war ja auch schon der Little Buddha Club und Sushi untergebracht. Beide Lokale konnten sich aber trotz Lage hier nicht behaupten.

Loblied auf das Lugeck – über das lebhafte multinationale Treiben am Lugeck um die Mitte des 16. Jahrhunderts berichtet Wolfgang Schmeltzl in seinem „Lobspruch auf die Stadt Wien in Österreich“:

Ans Lugeck kam ich von ungefähr,
Da gingen Kaufleut' hin und her,
In fremder Kleidung bunterlei,
Und sprachen fremde Sprachen dabei,
Ich dacht', ich wär' nach Babel kommen,
Wo Sprachenwirrniß Anfang genommen,
Und hört' ein seltsam Geträtsch, Geschrei,
Auch schöne Sprachen mancherlei.
Hebräisch, Griechisch und Lateinisch,
Deutsch, Französisch, Türkisch, Spanisch,
Böhmisch, Windisch, Italienisch,
Ungarisch, gut Niederländisch,
Natürlich Syrisch, Croatisch,
Serbisch, Polnisch und Chaldäisch.
Des Volk's war da die große Menge..


Jetzt soll zu all dem Sprachenkauderwelch sich auch wieder das Wienerische dazu mischen. Zumindest, wenn es nach den Geschwistern Figlmüller geht. „Das LUGECK soll vor allem die Wienerinnen und Wiener ansprechen und auf eine ungezwungene und bodenständige Art den Charme der alten Zeit mit Schmäh und Gastlichkeit in die Jetztzeit transportieren.“ Und weiter: „Das klare Ziel: der urtypischen Wiener Küche und der traditionellen Wirtshauskultur zu neuem Schwung und Glanz zu verhelfen. Was früher gut war mit dem was man heute mag zu vereinen.“

Um uns davon zu überzeugen, hat uns Figlmüller eingeladen und wir konnten nicht nur hier essen, sondern auch einen ausgiebigen Blick hinter die Kulissen werfen und in die Küche den Köchen über die Schulter schauen und sogar selbst ein wenig bei den Vorbereitungen mithelfen. Und wir haben einen sehr guten Eindruck von dem Lokal bekommen und jede Menge der Gerichte auf der Speisekarte ausprobiert (einige der Bilder zeigen kleinere Portionen als üblicherweise serviert, da wir vor allem eine Vielzahl davon verkosten wollten!). Und so haben wir uns neben dem modernerem Tatar vom Seesaibling mit Avocadocreme oder dem spontan bestellten Steak samt fachsimpeln darüber (die Jungs vom Manly Men Food Blog schreiben so darüber ...) auch noch ein paar echte Wiener Klassiker bestellt: Backhendl, Kalbsbutterschnitzel, Beuschel, Kalbsrahmgulasch und Krautfleckerl. Und zum Abschluss noch unser selbst zubereiteter Milirahmstrudel.

Alles in einer sehr guten Qualität und fein angerichtet. Apropos "fein". Die Liebe zum Detail und der Anspruch an Qualität, die kann man hier an vielen Ecken und Enden entdecken. Architektonisch 1A von den Materialien und Farbtönen hat man hier etwas geschaffen, was nur noch darauf wartet die Wirtshauspatina und damit den unvergesslichen Wiener Charme in ein paar Jahren anzunehmen. Dennoch großzügig und keineswegs schmuddelig lädt das Lokal in unterschiedlichen Bereichen zum Verweilen ein. Ob zum Stehimbiss, in einer größeren Gruppe, am kleinen Zweiertisch zur Mittagspause oder sogar mit einem eigenen Meetingraum. Alles da – und das im Herzen von Wien. Liebevoll und mit einem kleinen Augenzwinkern auch das Design von Menükarten und anderen kleinen Druckwerken. Mit netten Fotos im Vintage Stil und Sprüchen wie: Das Glück ist ein Henderl. Die Liebe zu gutem Essen kennt keinen Altersunterschied. Meinungen gehen auseinander, treffen sich aber wieder bei einem Bier. Oder: Die Seele des Wiener Wirtshauses spiegelt sich in seinen Töpfen und Pfannen.

Alles in allem ein tadelloser erster Eindruck. Hier kann man auf jeden Fall herkommen. Gut wienerisch, aber nicht verstaubt.